Fragile Signals – Get Going!
Mit «Fragile Signals» entwickle ich eine elektroakustische Solo-Praxis für ein Instrument aus einer präparierten Vintage-Stereoanlage, Rahmenantenne, Kontaktmikrofonen, Kassettenloops und analogen Feedbackwegen.
Das Instrument empfängt entfernte Radiosender, elektromagnetische Störungen, Rauschen und Brummen. Durch Eingriffe in Empfang, Verstärkung und Rückkopplung forme ich dieses Material in Echtzeit. Dieselben Signale steuern Glühbirnen, Relais und Dimmer, sodass Klang und Licht aus einem gemeinsamen Prozess entstehen.
Ein erster Prototyp wurde bereits in Live-Situationen erprobt. Technisch ist das Instrument funktionsfähig, seine musikalische Sprache steht jedoch erst am Anfang. Bisher entstehen einzelne starke Klangzustände und rhythmische Prozesse. Nun untersuche ich, wie daraus längere musikalische Entwicklungen entstehen können.

Aktueller Prototyp
Im Instrument greifen empfangene Signale, steuerbare Rückkopplungen und live aufgenommene Kassettenloops ineinander. Das eingebaute Mikrofon des Kassettendecks nimmt den Klang der Lautsprecher und des Raumes erneut auf und führt ihn als akustische Feedbackschleife zurück ins System. Kontaktmikrofone machen zugleich die mechanischen und elektronischen Geräusche der Anlage hörbar.
Im Zusammenspiel mit den Feedbackwegen kann die automatische Pegelregelung des Kassettendecks rhythmische Pulse hervorbringen. Tempo und Charakter lassen sich über den Vorverstärker und die Pegelverhältnisse beeinflussen. Das Spektrum reicht von entfernten Senderfragmenten und elektromagnetischen Störungen bis zu rhythmischen Bewegungen, dichten Rückkopplungen und abrupten Brüchen.
Die Kassettenloops bilden ein begrenztes Gedächtnis. Sie speichern Klänge, überschreiben sie und führen sie verändert in den aktuellen Prozess zurück. So treffen gegenwärtiger Empfang, gespeichertes Material und Feedback unmittelbar aufeinander. Ein Klangzustand kann festgehalten, später wieder aufgenommen oder als Gegenstimme in eine neue Situation zurückgeführt werden.
Mich interessiert, wie daraus verschiedene Zeitebenen und wiedererkennbare Spielweisen entstehen können, ohne dass die unmittelbaren Reaktionen des Instruments an Offenheit verlieren.



Ein ortsabhängiges Instrument
Die elektromagnetische Umgebung verändert sich von Ort zu Ort. Entfernte Sender, Stromleitungen, technische Infrastruktur, lokale Störungen und räumliche Resonanzen bestimmen, welches Material empfangen und weiterverarbeitet werden kann.
«Fragile Signals» ist deshalb an jedem Ort ein anderes Instrument. Seine musikalischen Möglichkeiten entstehen im Zusammenspiel von Umgebung, Empfang und meinen Entscheidungen im Moment. Ich untersuche, wie sich eine klare musikalische Handschrift entwickeln lässt, obwohl das Ausgangsmaterial an jedem Ort wechselt.
Auch die visuelle Form reagiert auf die jeweiligen Bedingungen. Glühbirnen, Relais und Dimmer werden nicht nach einer festgelegten Choreografie gesteuert, sondern reagieren unmittelbar auf dieselben Signale wie der Klang. Ihre Anordnung, Intensität und räumliche Wirkung werden an jedem Ort neu entwickelt. Der Raum wird damit nicht zur Kulisse, sondern zu einem aktiven Teil des Instruments.


Selbstverstärkende Systeme
Im Zentrum von «Fragile Signals» steht die Frage, was in selbstverstärkenden Systemen hörbar bleibt. In digitalen Plattformen, politischer Kommunikation und sozialen Beziehungen gewinnen häufig jene Botschaften an Präsenz, die sich leicht wiederholen, zuspitzen und weitertragen lassen. Langsamere, widersprüchliche oder unbequeme Perspektiven geraten leichter aus dem Fokus.
Die Arbeit setzt gesellschaftliche und elektronische Rückkopplung nicht gleich, untersucht diese Dynamik jedoch als musikalisches Denkmodell. Empfang, Feedback und Wiederholung können einzelne Signale hervorheben, verdichten oder überlagern. Mich interessiert, wie sich mit einem solchen System Formen entwickeln lassen, die nicht automatisch das Lauteste und Stabilste bevorzugen. Die künstlerische Herausforderung liegt darin, aus dieser Instabilität eine tragfähige musikalische Form zu entwickeln, ohne sie zu neutralisieren.


Live-Sessions als Entwicklungsmethode
Ich möchte «Fragile Signals» an Orten mit unterschiedlichen technischen, elektromagnetischen und räumlichen Bedingungen erproben. Angedacht sind das Wasserkraftwerk Centrale idroelettrica Crevola Toce bei Domodossola, der Fernsehturm St. Chrischona und der Hochspannungsleitungskorridor auf dem Gempenplateau bei Nuglar.
Die Erprobungen finden als Live-Sessions mit kleinem Publikum statt. Dadurch kann ich untersuchen, wie Instrument, Raum, Licht und körperliche Präsenz unter Aufführungsbedingungen zusammenwirken, ohne bereits eine endgültige Form festzulegen.
Die Sessions werden audiovisuell dokumentiert. Die Aufzeichnungen ermöglichen mir, Spielweise, musikalische Entwicklung, Licht und räumliche Wirkung aus Distanz zu analysieren und die Veränderungen zwischen den einzelnen Orten nachzuvollziehen.



Was Get Going ermöglicht
Ein Get-Going-Beitrag ermöglicht mir eine mehrmonatige konzentrierte Arbeitsphase. In Proben, ortsbezogenen Live-Sessions und der Analyse der Aufzeichnungen entwickle ich ein Repertoire an Spielweisen, Übergängen und formalen Strategien.
Ich untersuche, wie sich Empfang, Feedback und Kassettenloops über längere Zeiträume musikalisch führen lassen. Dabei arbeite ich mit Wiederholung, Verdichtung, Unterbrechung und Stille und entwickle eine visuelle Sprache, die aus denselben Signalen hervorgeht und auf wechselnde räumliche Bedingungen reagieren kann.
Ausgewählte Phasen reflektiere ich gemeinsam mit der Komponistin und Klangkünstlerin Noémi Büchi, die den Prozess als externes Ohr begleitet.
Im Zentrum steht keine Einzelproduktion, sondern die Entwicklung einer tragfähigen Solo-Praxis. Ihre musikalische und visuelle Sprache entsteht erst im wiederholten Spiel mit dem Instrument, den jeweiligen Orten und den unvorhersehbaren Reaktionen des Systems.
Anstoss für eine eigene Solo-Praxis
Seit vielen Jahren arbeite ich mit Klang in Installationen, audiovisuellen Performances und Kollaborationen. Musik war dabei meist mit Bild, Code, Raum, Interaktion oder anderen Musiker*innen verbunden.
2024 veröffentlichte ich gemeinsam mit Ben Kaczor das Album «Pointed Frequencies» auf Dial Records. Gleichzeitig wurde ich mit der Installation «Neural Fiction» vor allem als Medienkünstler institutionell sichtbar.
Mit «Fragile Signals» verlagert sich der Schwerpunkt erstmals auf meine instrumentale Präsenz und musikalische Entscheidung in Echtzeit. Ich entwickle nicht nur ein System, sondern eine Spielpraxis, in der ich dessen Verlauf über längere Zeit forme und auf seine Reaktionen eingehe.
Aus meiner bisher über verschiedene Medien und Kollaborationen verteilten Klangarbeit entsteht so eine eigenständige musikalische Position. Diese möchte ich langfristig in Konzerten, Aufnahmen und ortsbezogenen Formaten weiterentwickeln.
Künstlerische Entwicklungslinie
Die folgenden Arbeiten zeigen den Weg, aus dem «Fragile Signals» hervorgeht. Sie führen von kollaborativer Musik über audiovisuelle Signalsysteme zu einer körperlich gespielten elektroakustischen Solo-Praxis.
Pointed Frequencies
Album mit Ben Kaczor, Dial Records, 2024
Mit Pointed Frequencies veröffentlichte ich 2024 gemeinsam mit Ben Kaczor ein Album auf Dial Records. Die Arbeit verband experimentelle Elektronik, Improvisation und konzentrierte Klangräume. Für mich war sie eine wichtige musikalische Referenz im internationalen Kontext. Fragile Signals führt diese Erfahrung weiter, löst sie aber erstmals in eine eigene Solo-Praxis.




Transmission~
Audiovisuelle Performance / Installation, 2019 – 2020
In Transmission~ arbeitete ich bereits mit rohen elektronischen Signalen, Feedback, Mikroklängen und Signalverstärkung. Die Arbeit untersuchte, wie sich kleinste Impulse in Klang, Bild und Licht übersetzen lassen. Fragile Signals verschiebt diese Erfahrung weg vom audiovisuellen Gesamtsystem und hin zu einer körperlich gespielten elektroakustischen Praxis.



Neural Fiction
Interaktive audiovisuelle Installation, 2024
Neural Fiction machte meine Praxis institutionell sichtbar. Die Arbeit wurde bei HEK Basel und MU Eindhoven gezeigt. Eine Edition wurde von der Sammlung der Mobiliar angekauft, eine weitere wird in den Sammlungskontext des HEK aufgenommen. Mit Fragile Signals verschiebt sich der Fokus nun vom interaktiven Bildsystem zur eigenständigen musikalischen Arbeit.


Frühere audiovisuelle Systeme
In früheren Arbeiten entwickelte ich Systeme mit Klang, Licht, Daten, Code und performativer Steuerung. Diese Projekte bilden den Hintergrund, aus dem Fragile Signals die Klangarbeit herauslöst und musikalisch zuspitzt.
STM~ (2014 – 2018)
STM~ Duality übersetzte die Idee der Welle-Teilchen-Dualität in ein audiovisuelles Konzert aus digitaler Klangproduktion, Partikelsimulation und miteinander verbundenen Datensystemen.
Proteios (2016 – 2018)
Proteios arbeitete mit DNA-Daten und Prozessen der Proteinsynthese: Gene wurden algorithmisch gelesen, übersetzt und als audiovisuelle Komposition aus Projektion, Stroboskoplicht und Klang erfahrbar gemacht.
Kontakt
Niculin Barandun
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